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Schwere inhaltliche Fehler, Übertreibungen und Lügen: Populäre Radio-Reportage über Arbeitsbedingungen bei Apple-Zulieferer haltlos

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Die im Monatsrhythmus erscheinende Radio-Sendung “This American Life” des öffentlich-rechtlichen US-Radios NPR, kann mit der HR2-Produktion “Der Tag” verglichen werden. Pro Ausgabe auf eine Thema konzentriert, setzt “This American Life” auf Interviews, Features und Hörspiel-ähnliche Elemente um sich dem gewählten Titel des Ausgabe aus mehreren Perspektiven zu nähern.

Eine der aus unserer Sicht interessantesten Folgen lieferte “This American Life” am 27. Juli 2011 ab. In Ausgabe 411 (ifun berichtete) unternahm NPR einen Streifzug durch die Patent-Kultur in den USA. Apple, Google, Samsung. Wer verdient an den Ideen-Skizzen? Wofür werden sie genutzt? Wem hilft die Vergabepraxis? Die gut eine Stunde lange Episode kann immer noch nachgehört werden, hat nichts von ihrer Relevanz eingebüßt und kritisiert die vorherrschende Patent-Praxis scharf.

Die weitaus populärste Folge veröffentlichte “This American Life” jedoch mit Ausgabe 454 ab (ifun berichtete). In dem Monolog “Mr. Daisy and the Apple Factory” widmete sich der Autor Mike Daisey den Arbeitsbedingungen in den Fabriken des Apple-Zulieferers Foxxcon. Die durchaus spannende und inhaltlich mitreißende Produktion begleitete ihre Hörer auf eine Interview-Tour vor die Foxxcon-Werkshallen. Daisey berichtete über Kinderarbeit, Selbstmorde, durch Säure krank gewordene Mitarbeiter und Körper, die nach jahrelanger, monotoner Arbeit nicht mehr zum Alter ihrer Gesichter zu passen schienen.

Wir machen es ganz kurz: Ein Großteil der Episode “Mr. Daisy and the Apple Factory” (Direkt-LinkTranscript) – nicht nur die populärste des NPR-Archives, sondern auch eine der meist zitierten – hatte nur wenig mit der Realität vor Ort zu tun. So wurden in den 50 Minuten nicht nur inhaltliche Fehler gemacht, auch zahlreiche Interview-Passagen haben sich inzwischen als frei erfunden herausgestellt. Die Abweichungen vom Ist-Zustand sind so groß, dass NPR die alte Folge nicht nur zurückgezogen, sondern auch um einen jetzt freigegebenen Rückblick ergänzt hat, der klärt, wie es zu den Fehlern kommen konnte.

This American Life has retracted this story because we learned that many of Mike Daisey’s experiences in China were fabricated. We have removed the audio from our site, and have left this transcript up only for reference.

Eine Google-Suche brachte die Wahrheit ans Tageslicht.

Nach der Ausstrahlung des Features skeptisch geworden, sucht Rob Schmitz, Leiter des chinesischen NPR-Büros, bei Google nach der von Daisy zitierten Übersetzerin und kontaktiere die in Shenzhen lebende Cathy Lee. Hatte Lee die von Daisy beschriebenen Interviews wirklich so übersetzt? Foxxcon-Sicherheitspersonal mit Waffen? Verformte Hände vom monatelangen iPad-Zusammenbau? Junge Arbeiter im Alter von 12 und 13 Jahren? Durch Chemikalien vergiftete Ex-Mitarbeiter? Lees Antwort auf jede Frage: Nein.

Mike Daisy rechtfertigt seinen Ansatz inzwischen auf seiner offiziellen Webseite:

I stand by my work. My show is a theatrical piece whose goal is to create a human connection between our gorgeous devices and the brutal circumstances from which they emerge. It uses a combination of fact, memoir, and dramatic license to tell its story, and I believe it does so with integrity.

Wird die Reaktion auf seine Geschichte aber allein verantworten müssen: Die vielen Lügen relativieren die ansonsten wahrscheinlich nicht gerade rosigen Arbeitsbedingungen vor Ort dramatisch. Die Ausstrahlung auf dem größten US-Radiosender hatte ein enorm großes Publikum und ein riesiges Medien-Echo. Die Tatsache, dass NPR die Sendung nun zurück ziehen musste, dürfte jedoch wenig dazu beitragen den durchschnittlichen Konsumenten zu sensibilisieren.

Die neue Episode “RETRACTION” steht hier zum Download bereit.

We’ve discovered that one of our most popular episodes contained numerous fabrications. This week, we detail the errors in Mike Daisey’s story about visiting Foxconn, which makes iPads and other products for Apple in China

Diskussion 42 Kommentare.
Dieser Unterhaltung fehlt Deine Stimme.
    • Ich bin ja mal gespannt welche der deutschen “Qualitätsmedien” die darüber berichtet haben jetzt die Eier haben eine Richtigstellung zu veröffentlichen.

      — O_o
      • Es ist ja nicht das Thema an sich was das Problem macht.
        Das was die Presse draus macht, nur um Publikum zu generieren….
        Das bringt mich fast schon zum weinen…

        — SamFlynn
    • Die frage ist doch sowieso warum die Bedingungen bei anderen Marken besser sein sollen. Alle lassen in China produzieren, und viele sogar ebenfalls bei foxconn. Weiß nicht was die Leute mit Samsung und Co denken wie ihre Geräte hergestellt wurden.

      — iKarsten
      • Da braucht es keinen *affekt* erhaschenden Daisy-Bericht, um zu wissen daß Fließbandarbeit monoton und sich in gewisser Weise auf den Körper/Gesundheit auswirkt bzw. nicht unbedingt spurenlos vorbei geht.

        In der heutigen Medienlandschaft wird nur all zu oft auf “Schlagzahlen” und reißerische Berichte geklopft, deren wirklicher Wahrheitsgehalt angezweifelt und mit einer ordentlichen Portion an *gesunden Verstand* betrachtet werden sollte. Genau genommen wird uns Allen zu viel vorgemacht und wir werden von den Medien regelrecht an der “Nase” herum geführt; von daher – nicht nur die Daisy-Geschichte betreffend – denke ich mir meinen Teil!

        4winD
      • Samsung produziert viel im eigenen Land mit mehr Automatisierung.

        1. Wäre es wohl auch nicht gern gesehen, wenn die handbmade Produktion eingestellt wird und alles automatisiert wird

        2. Sind diese Jobs nur da, weil die Arbeitslöhne so niedrig sind. Die gleiche Arbeit von Maschinen erledigen zu lassen, würde einen Riesen Entwicklungsaufwand für die Produktionsstraßen und hohe Rüstkosten für jedes neue Modell bedeuten.

        3.deutsche Kohlearbeiter hatten früher auch einen richtig beschissenen Job, aber damals war es nun mal der Standard in Deutschland.

        — Felix
      • Hi, also ich gebe 4winD recht. Die Arbeitsbedingungen dort sind nicht gut. Alles ist monoton und massenhaltung. Die leute komm von weit her vom land um etwas geld für ihre familie zu verdienen. Die verdienen da 50-150€ im monat und Apple verdient an ein Gerät 200-350€ Dollar. Ist das fair? Die wohnrn zusammengehaust und müssen hart und stundenlang arbeiten. Auch in deutschland gibt es immer mehr solche firmen die nach “moderner Sklaverei” arbeiten, wie Amazon, Die Supermarktzentrallager, DHL usw. Da sollte endlich die Politik und Firmen mal was ändern, Gewinn machen die ja mehr als genug! Schönen Sonntag

        Sandro
  1. Hört sich ganz klar nach vertuschung an. Ein Mann gegen mehrere Multi- Millarden Unternehmen, welche sich solche Geschichten nicht leisten können. Die kaufen dann die Wahrheit egal um welchen Preis.

    — YUCKFOU!
    • Oder der gute Mann versucht auf einen Zug aufzuspringen und hat dabei die falsche Fahrtrichtung erwischt…
      Dabeisein um jeden Preis.

      — Chris
    • Und ihr kauft jetzt alle keine Smartphones mehr, ja?!
      Oder freut euch, gerne deutlich mehr zu bezahlen um das Gewissen zu beruhigen?
      Nur ein kleiner Denkanstoß – soll nicht heißen dass ich das toll finde was in China und anderen Billiglohnländern abgeht.

      — Scoo
    • Seine Rechtfertigung sagt doch alles…
      Dramaturgisch-theatral…mit Überspitzung aufgepeppt, um die Kontraste zugunsten besserer Wahrnehmbarkeit zu verschieben.
      Motivationen können da 2 Unterschiedliche sein:
      Das Bedürfnis, etwas Absetzbares zu produzieren, dass sich leicht als angeblich objektive Berichterstattung verkaufen lässt…
      Das Bedürfnis, etwas durch pushen des Kontrasts anzuprangern, jedoch ohne Objektiv und sachlich zu bleiben
      Mit der Zweiten könnte ich gerade noch so klarkommen…

      — iDirkPeter
  2. Auf winfuture gibt es einen Applehasser der gefühlte 1000x den Link zu “Mr. Daisy and the Apple Factory” gepostet hat. Der muss sich jetzt ziemlich dämlich vorkommen :D. Ob den Arbeitern mit so gestellten Artikeln wirklich geholfen ist, ist dann die nächste Frage.

    — O_o
  3. So dreist, nur um ein bisschen bekannter zu werden muss man erstmal sein.
    Ich will nicht wissen wie die Leute arbeiten, die seine Kleidung herstellen !

    — Nick
      • Hmm, H&M, da sieht’s genauso aus. China, Bulgarien, Saigon, Bangladesh, steht in den Etiketten. Abgesehen davon, sind die Klamotten, min. zur Hälfte aus Plastik, sprich unseren Einweg Cola’s. Zugegeben, dass ist für mich der Hauptgrund da keine Klamotten mehr zu kaufen. Ich steh auch eher auf Second Hand, 60-80er Jahre.

        — Sunny
  4. Stärker Tobak… Ob es stimmt oder nicht werden wir wohl nicht erfahren… An der Geschichte ist aber sicherlich was dran…

    — Krustenkäse
  5. Schade sowas. Solche übertriebene Berichterstattungen führen nur dazu, dass Zuschauer irgendwann abwinken: Ist doch eh nicht wahr. Seriöse Berichte werden dann nicht mehr gehört und ernst genommen.

    — Donna
    • Da braucht man gar nicht über die Grenze schauen. Selbst bei uns nehmen sich die Privaten dieses Recht raus.
      Schon mal die Magazine Akte2012 oder Extra (B. Schrowange) gesehen? Die Videofilme sind fertig im Kasten und die Recherche ist noch am Anfang, toll.

      — Fred
  6. Das ist ja im Grunde kein neues Phänomen. Es wird immer wieder “Journalisten” geben, die allein der Quote wegen die Realität verbiegen. Insbesondere bei Themen, die eine breite Bevölkerungsmehrheit interessiert, wird doch oft übertrieben oder abgeschwächt, hinzugedichtet oder weggelassen. Sind das nicht Teile und Auswüchse unserer voyeuristischen Gesellschaft?
    “Denke selbst, sonst tun es andere für Dich” – Vince Ebert

    Thomas Li
  7. Die Geschichte wird in Teilen bestimmt richtig sein, aber warum hacken die alle nur auf Apple rum? In der Textil- und Autozuliefererindustrie ist es doch kein bißchen besser. Ich meine, z.B. kosten meine Jeans weit über 100,-€, aber davon sieht das Kind in Bangladesh doch nichts. Hier läuft am ganzen System etwas schief, und nicht nur bei Apple!

    — hefetrinker
    • Bedanke dich bei der Globalisierung. Schon krass wenn man mal den Weg einer Jeans verfolgt. Die Baumwolle von hier, wird nach da geflogen, wo sie zu Garn versponnen wird, dann wird sie zum färben irgendwo anders hin geflogen, zum nähen wieder ganz woanders und so weiter. Ich weiß nicht mehr wo das war, aber wir hatten mal einen Text bekommen damals in der Schule wo die Herstellung einer Jeans von der Ernte bis zum Verkauf aufgezeigt war. Erschreckend ist, dass die trotz der hohen Transportkosten noch so Unmengen Gewinn an an dem Kram machen.
      Solange die Profit Gier vorrangig ist, wird sich nichts ändern. Sieht man ja schon an den Krankenhäusern, die Privatisiert wurden und auf Profit ausgerichtet wurden. Da werden die Patienten wirklich wie bei Scrubs über die Kasse gezogen (Und ja, ich hab in meinen Praktika als Ergotherapeut in einer großen Klinik wirklich erschreckendes gesehen)

      Max
      • Apple trägt nun eben das Los des omnipräsenten Marktführers und selbst auferlegten Image. Think Different, diese Richtlinie findet wohl bei diversen Belangen zu früh ihr Ende. Das stört die Menschen.

        — Ricarda
  8. Was mich wundert. Es war nicht mal nötig. Ein faire Reale Ehrliche Berichterstattung (egal ob für oder gegen Foxxom) hätte die gleichen einschaltquoten gehabt und wäre genauso interessant. Über eine erhliche Berichterstattung wäre genauso diskutiert worden. Nur vom anderen Lager. Aber mit dem hintergrund das sie nur auf wahrheiten gestossen wären und der Autor nicht sein Gesicht verloren hätte.

    — Futzi.2
  9. hm wenn mal doch auch nur mal bei unseren mainstream- und propaganda-medien im hinblick auf syrien oder vorher libyen so nachforschen würde, dann würde man deren auf lügen basierende propaganda ebenfalls enttarnen…
    kenFm (ex rbb) oder christoph hörstel (früher ard) tun dies momentan…
    oder das ndaa von obama, die usa darf nun überall auf der welt ohne gerichtsverfahren morden, sogar us-bürger…

    oder der propaganda-film kony 2012, aufruf zur intervention in uganda, dort wurde komischerweise 2009 öl geortet…

    wake up…!!!

    — tickitacka
  10. Kleine Korrektur am Rande: ThisAmericanLife erscheint nicht monatlich sondern wöchentlich und ist ansonsten sehr empfehlenswert.

    — ansgar
  11. und sowas fällt erst 9 monate später auf, wie praktisch für die apple gegner… aber jetzt wo die katze ausm sack ist, ist apple ja doch garnicht mehr sooo schlecht, na dann kann ich ja jetzt endlich beruhigt mit dem iphone neben meinem bett einschlafen. gutnacht.

    — aLGee
  12. Fragt sich keiner von euch ob mit einem Anruf bei der Übersetzerin wirklich die Wahrheit ans Licht gebracht wird? Die wird sicher mächtig unter Druck geraten sein und nachträglich alles leugnen. Ich habe selbst ein paar Monate in China gearbeitet und kann mir durchaus vorstellen dass die blöde Frage: “Haben sie das wirklich so gesagt?” mit nur einer Antwort beantwortet werden kann: ” Nein, der westliche Jornalist hat sich alles nur ausgedacht. Mein Land würde so etwas nie dulden.”

    Leute Augen auf!! Verfolgt mal die aktuelle Gesetzgebung in China, seit neustem kann man für Kritik am Staat auf Verdacht Monate weggesperrt werden.

    — Nudel

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