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Kalkulierte Kontroverse: Werbeblocker Peace verabschiedet sich

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Der Softwareentwickler und Tumblr-Mitbegründer Marco Arment ist kein unbeschriebenes Blatt. In der iOS-Community erlangte Arment unter anderem durch seine iPhone-Applikation Overcast und die regelmäßigen Auftritte im Apple-Podcast ATP eine gewisse Bekanntheit, fiel in den vergangenen Monaten aber vor allem als provozierender Blogger auf, der zuletzt mit seinem Vorwurf „Apple has lost the functional high ground“ für Aufsehen sorgte.

arm

Mit seiner letzten Einscheidung, den erst am 17. September veröffentlichten iOS-Werbeblocker Peace aus dem App Store zurückzuziehen, hat Arment jetzt eine neue Debatte entfacht und sich für viele Anwender bis auf weiteres disqualifiziert.

Fangen wir vorne an. Schon im Vorfeld der iOS 9-Freigabe stand fest: Die vom iPhone erstmals unterstützten Werbeblocker würden (endlich mal wieder) eine kleine Goldgräber-Stimmung unter den registrierten App Store-Entwicklern entfachen. Der Konsens: Die kleinen Safari-Erweiterungen ließen sich relativ problemlos programmieren, benötigten fast keine Benutzeroberfläche und würden einen ordentlichen Umsatz erzielen. Genau so kam es dann auch. Nur wenige Stunden nachdem Apple die offizielle Freigabe von iOS 9 einleitete, stürmten die kostenpflichtigen (!) Werbeblocker die iTunes-Charts.

Nutzer, die sich in den letzten Jahren immer häufiger mit aufdringlichen mobilen Reklamebannern herumärgern mussten, investierten die veranschlagten 2-4€ ohne mit der Wimper zu zucken und trafen damit eine (erwartbare) Entscheidung, die vor allem die kleinen Inhalte-Anbieter treffen sollte.

Die Großen hatten sich entweder schon im Vorfeld auf den Einsatz entsprechender Gegenmaßnahmen vorbereitet – ifun.de berichtete über die Blockierung der Werbeblocker bei CNET – oder waren ohnehin nicht auf die überschaubaren Einnahmen, die gemeinhin von fingernagelgroßen Mobil-Bannern erzielt werden, angewiesen. Vor allem die Nachrichten-Anbieter setzen schon längst nicht mehr nur auf Banner-Plätze, sondern auch auf versteckte native advertisments, den Verkauf von Printanzeigen, bezahlte Online-Zugänge oder partnerschaftliche Kooperationen mit großen Online-Marktplätzen.

peace

Wie gesagt, die bezahlten Adblocker trafen in erster Linie unabhängige Schreiber, kleine Online-Magazine und ganz konventionelle Blogs. Leser, die „Marias Stricktipps“ auch bislang schon gratis besuchen konnten, bezahlten nun einen Dritten, um das eigentlich werbefinanzierte Angebot zukünftig auch frei von Bannern lesen zu können.

Eine nicht unkontroverse Neuausrichtung des mobilen Netzes, da iPhone-Anwender hier – im Gegensatz zu den ebenfalls beliebten Desktop-Blockern – sogar bereitwillig die eigene Kreditkarte zückten. Nicht um Maria für ihre Stricktipps zu entlohnen, sondern um die Macher der Werbeblocker für ihren destruktiven Einsatz zu bezahlen.

Nicht für seine Verlässlichkeit bekannt

Zurück zu Arment und seinem Werbeblocker Peace. Der ohnehin nicht für seine Verlässlichkeit bekannte Entwickler – die iPhone-Abo-Zeitschrift „The Magazin“ stellte seinen Betrieb nach nur 12 Monaten am Markt ein, der Später-Lesen-Dienst Instapaper wechselte 2013 überraschend den Besitzer – hat den Verkauf des Werbeblockers Peace in der Nacht zum Samstag eingestellt. Nach zwei Tagen an der Spitze der App Store Charts plagten Arment, dies berichtet der Programmierer in seinem ebenfalls mit Bannern geschmückten Blog, plötzliche Gewissensbisse.

Die diskriminierungsfreie Entfernung von Web-Anzeigen, so Arment, sei kontraproduktiv:

Peace required that all ads be treated the same — all-or-nothing enforcement for decisions that aren’t black and white. This approach is too blunt, and Ghostery and I have both decided that it doesn’t serve our goals or beliefs well enough. If we’re going to effect positive change overall, a more nuanced, complex approach is required than what I can bring in a simple iOS app.

Arment, der nach der millionenschweren Tumblr-Übernahme des Internet-Giganten Yahoo nicht mehr auf ein geregeltes Einkommen angewiesen sein dürfte, fühlt sich unwohl dabei, für einen Werbeblocker verantwortlich zu sein, der alle Anzeigen gleichermaßen deaktiviert. Egal ob auf Spiegel Online oder auf Marias Stricktipps.

Im Hausblog zieht Arment jetzt zynische Konsequenzen und empfiehlt nicht nur die Rückerstattung der App-Kosten bei Apple zu beantragen, sondern auch zwei konkurrierende Werbeblocker und schließt das Kapitel für sich ab.

Spätestens jetzt nehmen wir euch das tiefe Durchatmen nicht mehr übel.

Auch wir hegen Zweifel am plötzlich eingekehrten Humanismus und sortieren den kurzen Auftritt des Werbeblockers Peace als egozentrische Eskapade eines Entwicklers ab, der es vorzuziehen scheint, sich nicht mehr mit Geld, sondern mit Aufmerksamkeit bezahlen zu lassen.

Zum einen dürften bereits während der App-Entwicklung genügend freie Momente vorhanden gewesen sein, um mögliche Konsequenzen eines kostenpflichtig angebotenen Werbeblockers abzuschätzen. Zum anderen hätte Arment den geschilderten Gewissenskonflikt auch produktiv angehen können. Der Umbau des Werbeblockers Peace zu einem passiven Reklame-Stopper, der erst mal alles durchlässt und nur die schlimmen Fälle „auf Zuruf“ stoppt, oder eine prominentere Whitelist-Integration hätten die Diskussion um die von Arment formulierte Pflicht zum Umdenken wohl effektiver befeuert, als der Verweis auf alternative Blocker mit ähnlichem Funktionsumfang.

Aktuell jedenfalls werden wir das Gefühl nicht los, als habe Arment die Applikation bereits mit der Intention veröffentlicht, durch ihren umgehenden Rückzug nicht nur eine große Twitter-Debatte auszulösen, sondern dieser auch von seinem Lieblingsplatz aus beizuwohnen: Dem Mittelpunkt.

Abschließend möchten wir euch zudem davon abraten Arments Empfehlung zu folgen und Apple um eine Rückerstattung der Kaufkosten zu bitten. Zwar lässt sich argumentieren, dass Arment so auf mehreren $100.000 sitzen bleiben wird – ohne die zukünftige Funktion seiner nunmehr eingestellten App gewährleisten zu müssen – euer Vorsprechen bei Apple könnte unter Umständen jedoch mit negativen Folgeerscheinungen einhergehen.

So hat Apple in den vergangenen Monaten eine schärfere Gangart bei der Rückforderung von App Store-Kosten eingeschlagen. Während sich im vergangenen Jahr noch mehrere Applikationen pro Monate reklamieren und rückerstatten ließen, reagiert Cupertino mittlerweile meist schon nach dem ersten Rückerstattungswunsch mit einem Hinweis, die die zukünftige Rückgabe von iOS-Applikationen unmöglich macht.

So liegen ifun.de mehrere E-Mails betroffener iTunes Kunden vor, denen Apple seit Mai die folgende iTunes-Warnmeldung beim Kauf einer neuen Applikation anzeigte:

Bestätigung: Ich bestätige, dass ich diesen Kauf nicht mehr stornieren kann, wenn ich diese App innerhalb von vierzehn Tagen, nachdem ich auf „Kaufen“ getippt habe, lade.

Hier müsst ihr euch also die folgende Frage stellen: Lohnt sich der zukünftige Verzicht auf Apples (de-facto einmaliges) Storno-Angebot wegen der 3€, die ihr wohlmöglich in Peace investiert habt; oder wartet ihre vielleicht lieber bis zur nächsten enttäuschenden 40€-Applikation ehe ihr von der Rückgabe-Option Gebrauch macht.

Unter dieser Zeile solltet ihr nun ein Banner sehen – wir hoffen es stört euch nicht zu sehr.

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19. Sep 2015 um 18:47 Uhr von Nicolas Fehler gefunden?


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